Das grüne Wunder vom Hungerberg

Aus dem Steinbruch wurde eine naturnahe Grünanlage und ein attraktives Naherhohlungsgebiet.

Ein wunderschöner Lebensraum für Menschen, die gerne im Grünen sind, für spielfreudige Kinder, für Wechselkröten und Gelbbauchunken, für heimische Obstbäume und Sträucher entstand zwischen Hoheneck und Neckarweihingen. Im ehemaligen Steinbruch und auf angrenzenden Flächen legten Fachleute in den letzten Monaten eine spektakuläre Naturoase an – die Grünanlage Hungerberg.

Nun locken riesige Freiflächen, Aussichtspunkte, “geologische Fenster”, Spielplätze, Sitzecken und eine riesige begehbare Sonnenuhr. So ist der überlieferte Name des Geländes ins Gegenteil verkehrt: Der Berg ist abgetragen, und für Mensch und Natur gibt es Attraktionen satt.

Neue Kulturlandschaft bereichert die Stadt

Zwischen Neckar und Reichertshalde, zwischen Aldi und Heilbad liegt ein Kleinod, das ist rund 64.000 Quadratmeter groß: die Grünanlage Hungerberg. Weil der ehemalige Steinbruch renaturiert werden sollte, planten die Landschaftsarchitekten Prof. Schmid, Treiber und Partner aus Leonberg hier ein neues Stück grünes Ludwigsburg.
Unweit klassischer Gartenanlagen wie dem “Blühenden Barock” und dem Favoritepark entstand so eine zeitgemäße künstliche Landschaft im städtischen Umfeld – von vorn herein offen für alle.

Diese Grünanlage gehört zu den Projekten für den “Grünzug Ludwigsburger Neckar”, mit denen Lebensräume geschützt und ausgebaut werden. Auch die Ludwigsburger Beteiligungen an der “Grünen Nachbarschaft”, in der Städte und Gemeinden im Kreis gemeinsam Ökologie, Naherholung und Landwirtschaft fördern, entspricht dieser Haltung.
Das Gelände ist vom Gewerbepark aus gut zu erreichen, aber auch auf der Hochfläche durch den Fuß- und Radweg vom Favoritepark zum Heilbad und zum Neckarufer.

Auf der Hochfläche – von der Reichertshalde im Westen her erreicht man sie durch ein Tor aus riesigen Steinsäulen – gibt es Schaukeln und Rutschbahn in großzügigen Anlagen. Hier ist viel Platz für Bewegung und Spiele, ebenso zum Sitzen und Beobachten der vielfältigen Natur: Magerwiesen, Feld- und Schlehenhecken gibt es ebenso wie Streuobstflächen und traditionelle Gärten. Immer wieder bieten sich reizvolle Aussichten zur Innenstadt, nach Hoheneck oder auch über das Tal nach Neckarweihingen hinüber.
Wer nach Poppenweiler schauen will, muss an den Rand des früheren Steinbruchs treten. Von hier aus überschauen die Besucherinnen und Besucher der Grünanlage Hungerberg auch die weiträumige Gestaltung des Hangs in Form einer Arena. Am Boden dieses großen Bogens ist eine riesige steinerne Sonnenuhr angelegt – ein stilistischer Gruß an die Kelten, die einst hier einsiedelten. Wer sich bei entsprechendem Wetter in die Mitte des Rondells stellt, sieht seinen Schatten als Uhrzeiger.
Auf die untere Ebene führen Steintreppen hinunter. Trockenmauern halten den Hang und bieten gleichzeitig vielen Tieren ideale Lebensräume. Das Erdreich in der Steigung wird weitgehend natürlicher Pflanzenentwicklung überlassen. Die Tiefebene umfasst neben ansprechenden Wegen und Spielflächen auch Wasserläufe und – mulden. Sie erinnern an die Biotope, die sich in der Zeit des Steinbruchs hier ganz nebenbei entwickelten. Im Westen und im Osten des Geländes sind fast senkrechte Einschnitte in die Landschaft als “geologische Fenster” erhalten.

Schaufenster in die Geschichte der Erde

An zwei Stellen des ehemaligen Steinbruchs sind Schichten aus dem Eiszeitalter und aus der Muschelkalkzeit sichtbar. Hier lässt sich nachvollziehen, wie die Landschaft entlang des Neckars ihr heutiges Gesicht bekam…

Blick zurück in Lehm und Sand:

Seit 1837 als Ziegelei genutzt, ab 1928 auch als Steinbruch

Welche Straßen und Häuser in Ludwigsburg und Umgebung alle mit Material aus dem Gelände “Am Hungerberg” gebaut wurden, lässt sich gar nicht mehr nachvollziehen – über den fachkundigen Daumen gepeilt wurden hier jedenfalls rund fünf Millionen Tonnen Stein aus der Landschaft gebrochen. Dabei ist die einst darüber liegende Lehmschicht, aus der hier Ziegel gebrannt wurden, noch gar nicht mitgerechnet. 1841 übernahm der Unternehmer Johann Konrad Hubele aus Großbottwar die Ziegelei, die hier am Rand von Hoheneck 1837 errichtet worden war, und produzierte Mauer- und Dachziegel, ebenso tat es später sein Sohn Wilhelm.
1908 wurde Paul Hubele Geschäftsführer. Er kam darauf, dass unter dem Lehm noch ein weiterer Schatz liegt, den zu bergen sich lohnen dürfte: Nach etwa fünf Metern verschiedener Lehmschichten stieß man auf Muschelkalk. Für den Straßenbau in den aufsteigenden Wirtschafts- und Militärregion war das genau der richtige Werkstoff. So entwickelte sich ein ganz neuer Unternehmenszweig, der im Lauf der Jahre zum Schwerpunkt wurde: der Straßen- und Kanalbau.
Das Gelände am Hungerberg blieb über die Jahrzehnte der Sitz der Firma, aber nicht der einzige Betriebsort – unter anderem in Markgröningen, Ossweil oder Höpfigheim förderte man Lehm und Stein. Zwischen Neckarweihingen und Marbach, wo heute das EnBW-Kraftwerk weiterhin sichtbar ist, wurde Kies abgebaut. Aus dem Elsass führte man ab 1965 mit dem eigenen Schiff Kies und Sand ein. Auf dem Neckarweihinger Ufergebiet “Anlände” wurde das Schiff entladen, ein Betonwerk wurde errichtet.
An der Hubele’schen Firmengeschichte lässt sich viel Zeitgeschehen ablesen: Dass in den 90er-Jahren eine Filiale des Lebensmittel-Discounters Aldi auf dem ehemaligen Betriebsgelände errichtet wurde, belegt die Ausdehnung der städtischen Bereiche und auch, dass Lebensmittel mit dem Auto einzukaufen inzwischen für viele selbstverständlich geworden ist. Möglich war diese Ansiedlung, weil 1981 die Ziegelei eingestellt worden war und 1992 der Steinabbau.
Diese Bauarbeiten brachten noch ein ganz anderes Stück Zeitgeschichte zu Tage: Als plötzlich ein Bagger einbrach, war der unterirdische Bunker wieder entdeckt, der im zweiten Weltkrieg für die Hohenecker Bevölkerung angelegt worden war, wie sich Hilde Jenner (gemeinsame Geschäftsführerin mit ihrem Bruder Wilhelm Hubele) stets erinnert hatte. Das Loch wurde aufgefüllt.
Die Hubele-Belegschaft – derzeit sind es rund 70 Arbeitsplätze – hat im Lauf der Jahre ebenfalls viele Entwicklungen widergespiegelt: In den 50er-Jahren kamen als erste “Gastarbeiter” rund 40 Männer aus dem Bayrischen Wald; einige von ihnen wohnen noch heute als Rentner in Ludwigsburg. In den 60er-Jahren brachte ein privater Kontakt Arbeitskräfte aus Süditalien an den Neckar. Es folgten in den 70er-Jahren Männer (teils mit ihren Familien) aus Jugoslawien und Griechenland, später aus der Türkei. Der Bürgerkrieg auf dem Balkan zwang Kosovo-Albaner, ihre Heimat zu verlassen – manche fanden Arbeit bei Hubele. Auch der Zuzug von Russlanddeutschen in den 90er-Jahren spiegelt sich in der Hubele-Mitarbeiterschaft wieder.

Nach einer Vereinbarung zwischen der Stadt Ludwigsburg und der Firma Hubele übernahm es das Unternehmen, den ehemaligen Steinbruch zu renaturieren. In einigen Jahren werden auch Werkstatt und Betriebshof an andere Orte verlegt werden. Das Verwaltungsgebäude mit seiner typischen Ziegelfassade und die Grünanlage Hungerberg, die ohne die “tiefschürfende” Arbeit des Unternehmens nicht entstanden wäre, werden bleiben.

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